Wider der Sommerfaulheit

July 6th, 2006

Von wegen zu Hause in der Sonne liegen und nix tun!
Nein, meine lieben Herren und Damen, dieses Wochenende lag etwas anderes an: In Bonn auf den Rheinauen in der Sonne liegen und nix tun! Denn es ist Rheinkultur!
Wer von so viel Tatendrang überwältigt ist, der sollte sich folgendes mal krass reinziehen: Wir haben nicht nur da gelegen, sondern auch Bands angeschaut!
Hol’s der Teufel!
Aber eins nach dem anderen.

Die Bahnfahrt verlief relativ langweilig und ereignislos. Büth und ich vertrieben uns die Zeit damit, über Nintendo DS und anderen Kram zu schwaden und lose einen kleinen Trip ins Phantasialand zu planen (jetzt hab ich eben doch glatt aus Versehen “Phantasieland” geschrieben. Da könnte man sicherlich billiger hin).
Ansonsten ist höchstens noch der überfüllte Bus erwähnenswert.
Okay, äh, also. Er war überfüllt. Und er fuhr. Und so.

Nachdem wir enttäuschenderweise nicht von der Security abgetastet wurden, marschierten wir im Stechschritt über den Platz unter der stechenden Sonne, bis uns der Schweiß auf die Stirn trat. Aber ach! Welch hehres Ziel strebten wir an!
Wir wollten uns nämlich noch ein wenig Schrottgrenze anschauen (wer sie nicht kennt: Deutschpunkrock, denkt ein wenig an die Wohlstandskinder), die nämlich schon seit geraumer Zeit kräftig in die Saiten schlugen.

War aber größtenteils Essig mit, denn die Herren waren schon kurz vor Ende angelangt und klampften in unserer Anwesenheit noch zwei, drei Songs runter, von ein paar Fans abgefeiert, von mir kritisch beäugt.
Aber immerhin waren die auch vom neuen Album, informierte mich Claudia. Und deswegen logischerweise schlecht. Leuchtet ein, dachte ich bei mir, kreuzte die Arme hinter dem Kopf und machte die Augen zu.
Kurz nach dem Konzert (wenn ich das noch richtig zusammenkriegen), arrivten der Strandgut-Daniel und der Nicht-Ganz-Strandgut-Arne. Beide klönten fröhlich daher, bis sich der Daniel irgendwann mein Wacken-T-Shirt durchlas, auf dessen Rückern geschrieben stand, welche Band aufgetreten waren.

Daniel: “Ach, Dragonforce, die Jungs sind ja total lustig.”
Jörn: *Nixpeil*.
Andy: “Ja, der Jörn hört die ja auch gerne.”
Daniel: “Wie war denn der Auftritt?”
Jörn: *Begreift endlich* “Wie, die waren auf dem Wacken letztes Jahr?” *zerrt am T-Shirt im aussichtslosem Bestreben, den Rücken zu lesen*
Daniel: “Ja, na klar! Hier!” *tippt*
Jörn: *weint*

Zum Kotzen sowas! Hätte man mich denn nicht in süßer, süßer Unwissenheit einem gnädigen Tod entgegen driften lassen können? Meine Lieblingsband tritt auf, und zu dem Zeitpunkt kannte ich die noch nicht mal!

Aber wie dem auch sei, als nächstes war ein Mädel auf der Bühne, deren Namen ich tatsächlich jetzt im Prospekt nachschlagen gehen muss.
Stimmt, Diane hieß sie.
Furchtbar, absolut furchtbar. Da halfen auch das Alibi-Saxophon und die Alibi-Trommel nix. Bah, bah, bah.

Zeit für Verköstigung.
Also mit dem Büth, dem Andrew und dem Schmitz erst mal lecker Pommes holen gegangen. Auf dem Weg begegneten wir dem Strandgut-Hagen (der, wie ich noch einmal erwähnen und nachdrücklich betonen möchte, die Best-Lookin-Sonnenbrille-Überhaupt anhatte) nebst Freundin, Begrüßung, blabla. Am Stand angekommen drängelte ich mich erst mal unabsichtlich vor ein paar Punks und versuchte dann, der geistig etwas langsamen Bedienung meine Bestellung näher zu bringen (”Einmal. Pommes. Spezial. Ja. Spezial.”). Harte Arbeit, das!
Aber lohnt sich immerhin.

Anschließend trat ein Mensch namens Ray Wilson die Bühne, der, wie wir durch den tatkräftigen Kommentator erfuhren, bei Genesis gesungen hatte, als sie das bekannte Album Blablabla aufgenommen haben.
Der Ray klampfte unter Begleitung eines sich sehr anstrengenden Keyboards prima Musik, um sich ein wenig auszuruhen von den bisher in Kauf genommenen Strapazen, und prima Musik, damit Büth und Andy sich die gekauften Schupfnudeln mit Vanille-Sauce zu Gemüte führen konnten, von allen tatkräftig beneidet.

Kurz darauf statteten Jan, Olli und Ollis Japanische Freundin (OJF) uns einen Besuch ab, Jan und Büth lästerten fröhlich über jemand, der mir nicht bekannt ist (ungefährer O-Ton Jan: “Und dann hat er mit ihr Schluss gemacht, weil er nicht, du-weißt-schon-was (*Handbewegung*) mit ihr machen wollte, weil: ‘Dann wirst du schwanger, und dann versaust du mir mein Studium’”) und wir versuchten, auf dem sehr weit entfernt aufgebautem Fernseher etwas vom Fuppes mitzubekommen.
Wir hätten natürlich auch aufstehen können, aber dafür bemühte sich die Sonne viel zu sehr, uns auf den Schädel zu bretzeln.
Bevor die nächste Band die Bühne betrat, versorgten wir uns mit frisch abgezapftem, aber entsetzlich schalem Bier, welches auch noch viel Geld kostete, aber hey, umsonst und draußen, gelle? Damit auch OJF ihren Spaß hatte, brachten wir ihr “Prost ihr Säcke - Prost du Sau” bei.
Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte das nicht lustig gefunden.

Für die nächste kleine Story muss ich kurz noch einmal das Prospektchen der Rheinkultur konsultieren.
Dort steht geschrieben das Folgende:

Das Baden im Rheinauensee ist nur für Leute eine gute Idee, die gerne stinken und auf offene Fleischwunden stehen. Im See liegen jede Menge Scherben und andere Gegenstände, an denen man sich verletzen kann.

Anscheinend schienen das ein paar Menschen für eine gute Idee zu halten, jedenfalls lief schon ein bald ein Jüngling in triefnassen Boxershorts umher und suchte seine Klamotten, die seine “Freunde” (hehehehehe. Anführungszeichen.) lustigerweise versteckt hatten.
Von unserem Hang aus gut sichtbar fand man einen Container, etwa 2,30m hoch, würde ich schätzen, bitte korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Vor diesem Container lag ein kleinerer, welcher in etwa 1,70m in der Höhe erreichte.
Auf den höheren der beiden Container warfen die Freunde des Herren seine Kleidungsstücke.
Nachdem dieser gemerkt hatte, dass er dort nicht im Stand drankam, begann er, den kleineren Container zu erklimmen und seine Kleidungsstück herunterzuwerfen.
Ha, prima Idee. Die Dinger waren schneller wieder oben, als er “Ein Glück, dass ich keine weißen Shorts anhabe” sagen konnte.
Als ob dies noch nicht genug wäre, paradierte ein Kumpel seinerseits wie beiläufig vorbei und zog ihm die Shorts runter, auf dass die gesamte Rheinkultur seinen Pipimann bewundern konnte.
Applaus allseitig.
Der Jüngling schien es mit Humor zu nehmen und verpasste seinem Kumpan ein paar freundschaftliche Hiebe, nicht mehr.

Als nächste Band betrat Boppin’B die Bühne, und ich verlinke diese Band ganz bewusst.
Ich kann darüber nur sagen: “Oh, wow.”
Obwohl, das stimmt nicht ganz. Ich könnte auch sagen: “Scheiße, wow.” Oder “Un-fucking-glaublich.” Oder dergleichen mehr.
Alles wäre nur mehr als gerecht.
Sehr, sehr, sehr, sehr, SEHR feine Band.
Dem Ansager gemäß spielten sie 50er-Jahre-Rock’n-Roll mit Ska-Einflüssen, und das kann man auch so stehen lassen.
Die Band lief eine kurze Zeit auf MTV, da sie ein Cover vom Song If you Believe des Gott sei Dank langsam in der Versenkung verschwindenden Pop-Sängers Sasha gebracht hatten.
Aber mit sowas hätte ich nicht gerechnet!
Nicht nur, dass sie sehr feine Liedchen spielten, nein, die Jungs verstanden es wie kaum sonst jemand, sich selbst abzufeiern.
Aber sowas, sowas, sowas von vom feinsten! Respekt!
Besetzungsmäßig bestand die Band aus Sänger, Saxophonist (!), Kontrabassist (!!) und einem Schlagzeuger (…), der im Stehen spielte! (!!!)
Wie cool ist das denn bitte? Und dabei noch entspannt wie sonst nichts!
Dadurch hatte der Drummer schon ein paar Sympathiepunkte gut, wurde aber mit verbundenen Händen übertroffen vom Kontrabassisten, der allein durch sein Instrument schon der Geilste war.
Direkt beim ersten Song riss er sein Ding hoch über den Kopf, hielt ihn am Hals in einem 45°-Winkel nach oben und spielte sein Solo.
Beim. Ersten. Song.
Fantastisch. Kaum warm gelaufen und schon die dicksten Posings auspacken.
So lobe ich mir das!
Aber es wird sowieso noch geiler: Er stellt sich auf das Ding! Wer einen Kontrabass ansieht, merkt, dass er auf einer Art Spitze steht. Er (der Bassist) kippte also seinen Instrument in eine Position, in der es normalerweise umfallen würde und stellt sich drauf, gleicht es so mit seinem Gewicht aus und kloppt seinen Solo runter.
Das wurde wiederum nur noch getoppt durch die Aktion, dass sich der Gitarrist draufstellte und Solo spielte, während er unten den Bass im Gleichgewicht hielt und ebenfalls fleissig zupfte.
Ich ziehe meinen Hut vor soviel Willen zur Selbst- und Instrumentenzerstörung.
Der Gitarrist beherrschte übrigens auch das Spielen hinter dem Kopf mit Bravour.

Das war dann nur zu überbieten durch die Aktionen der Band, die mit den Songs zu tun hatten: Einerseits hielten sie kleine Schilder hoch, auf denen mit Wörtern wie “Toben” oder “Ausrasten” um Applaus geheischt wurde.
Und man will gar nicht glauben, wie gut das geklappt hat! Das Publiklum ist echt ausgetickt!
Das andere hing mit dem glorreichen Song Scheißkapelle zusammen, zu dem der Drummer uns erklärte:

“Ich möchte, dass, wenn wir euch fragen: ‘Do you feel allright’, ach, wenn euch das irgendeine Band fragt, ihr antwortet: ‘Scheißkapelle!’ Okay, wir üben das jetzt mal…”

Und so ging’s den Rest des Konzerts weiter.
Ich find’s prima: Eine Band, die das Publikum auffordert, sie zu beleidigen. Wir müssen das Konzept beizeiten mal für unsere Band klauen. Dürfte nicht allzu schwer sein, die fünf oder sechs Leute vor der Bühne dazu zu bringen, uns zu beleidigen.

Nach Boppin’B standen die Monsters of Liedermaching auf dem Programm, also ein halbes Dutzend junger Männer mit Gitarre, die entspannte Tüte-rauchen-und-zuhören-Musik spielen und singen. Hätte ich auch gerne gesehen, aber ich entschloss mich schließlich zu einer unpopulistischen Meinung und verließ den Ort des Geschehens, um mir an einer anderen Bühne die Mad Caddies (Ska…) anzuschauen.
War zwar sonst keiner, den ich kannte (hab nur später jemanden aus meiner Klasse getroffen), aber ich war gut gelaunt.

Leider war ich zu blöde, um meine Uhr richtig zu lesen, so dass ich über eine Stunde zu früh vor der Bühne stand. Na ja, selber Schuld. Vor den Caddies spielte Archive, eine Band, die eine Musik von sich gibt, die ich nun wirklich nicht einordnen kann. Sie hatten zwei Keyboarder, und das sagte für mich schon alles aus. Furchtbar, furchtbar, furchtbar.
Gott sei Dank setzte sich das Publikum zu Hälfte aus ebenfalls wartenden Caddie-Fans zusammen, so lästerte ich also mit ihnen gemeinsam, versüßte mir das Warten durch die Aussicht, noch vor dem Wellenbrecher zu stehen, also recht nah an der Bühne, und hörte 16-jährigen beim Flirten zu.

Sie: “Was ist denn eine Double-Bass?” *zwinker*
Er: “Zwei Pedale. Eine Bassdrum. Da kann man dann sowas mit spielen: Bummbummbummbummbummbummbumm.” *Gestik*
Sie: *rückt näher* “Kannst du da-haaas? Ist das schwe-hääär?” *zwinker*
Er: “Nee, das ist nicht so schwer.” *Brust anschwell*

Macht Spaß, das.

Die Caddies ließen die Bühne zuerst von ihrem, wie ich glaube, Bandmaskottchen entern, ein Mensch mit kreisch-grünen Klamotten auf einem Fahrrad.
Der Rest folgte seinem Schritt, bzw. Pedalschlag, und haute auf, zupfte an oder blies in ihre Instrumente.
Hüppe-hüppe-hüppe-hüppe-hüppe-hüppe-hüppe, sag ich mal.
Von ein paar Raggae-Songs unterbrochen, spielten die Jungs auch einen sehr bodenständigen Pogo-Ska, bei dem aber angemerkt werden muss, dass ich bis auf einen unglücklichen Schlag auf den Kiefer nicht viel abbekommen hab. Andy, der hinterher noch hinter dem Wellenbrecher stand, hatte da wohl andere Erfahrungen gemacht, aber naja.
Wie gesagt, sehr bodenständiges Konzert, und die Tatsache, dass ich noch wen aus meiner Parellelklasse getroffen hab, machte es auch nicht dringend schlechter.

Und so endet mein kleines Berichtchen vom Rheinkultürchen. Ich hatte jedenfalls eine Menge Spaß und hab mich (bis auf das Konzert der Caddies) prima entspannt mit netten Leuten.
Die Beschreibung der Rückfahrt erspare ich euch jetzt lieber mal, denn die war Tortur wie immer.
Ich möchte nur noch dieses Zitat anbringen:

Tobi (betrunken): Eh Jörn, komm, lass uns noch einen trinken gehen! Wir können doch eine Bahn später nehmen.
Jörn (nüchtern): Geht nicht, ich bin mit dem Fahrrad da.
Tobi: Ach so, ja, klar.

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  • 1. Waldmeister  |  July 7th, 2006 at 8:22 pm

    Gravatar!

    Sehr schön geschrieben. Als wenn man dabei gewesen wäre.


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