Rheinwiesenrocken
August 13th, 2007
Es gibt ihn also doch noch, den Sommer im Deutschland.
Jedenfalls umschmeichelten uns angenehme Temperaturen, als wir am Samstag, bewaffnet mit einem Kasten Kölsch, einem hervorragend unzuverlässigen Instant-Grill und einer Wagenladung totem Tier um halb zehn die Poller Wiesen stürmten.
Auf dem Weg dorthin trafen wir den Rapper von Deutz, ein sympathisches junges Individuum, welches immer mit aufgedrehten Kopfhörern durch Deutz’ Straßen taumelt und lauthals mitrappt. Andi informierte ihn freundlicherweise, dass er überhaupt kein Mikrofon vor sich trüge und einem Irrglauben aufliegt, doch der junge Gentleman war taub für derartige Verbesserungsvorschläge.
Unser ursprünglicher Plan war, das Reisdorf platt zu machen und anschließend ins MTC zu wanken (ein Laden in Köln mit Rock- und anderer Gitarrenmusik), denn dort ist ja bekanntlich vor zwölf Uhr eh nichts los.
Entgegen unserer Erwartung waren die Wiesen relativ unbevölkert, bis auf ein Grüppchen, welches sich um einen hoch gewachsenen Jüngling tummelte, der anscheinend ein Problem mit dem Druckausgleich seiner zu Fortpflanzungszwecken bestimmten Körperflüssigkeit hatte, zumindest, wenn man ihn so reden hörte.
Uns recht, mehr Platz für uns!
Wir fuhren unsere typische Taktik, wenn es darum ging, den Grill anzuwerfen und das Fleisch zuzubereiten: Wir fingen damit an, stellten uns dabei angemessen blöd an und warteten ab, bis Guido die Geduld verlor und uns zeigte, wie man es richtig macht. Klappt jedes Mal! (Nur Spaß, Guido!)
Während wir also unsere eh schon biergeschwängerten Wampen mit Fleisch füllten, verließen uns auch die letzten Platzbuhler, und wir hatten endlich Gelegenheit, zu tun, was uns passte.
Das meiste Amüsement zogen wir wahrscheinlich aus Andis glorioser Idee, sein primäres Geschlechtsorgan fürderhin als “Herr Baron” zu titulieren, was in Aussprüchen wie “Oh, Herr Baron wünscht zu schwengeln” oder “Ich geh mal dem Baron eine Audienz gewähren” resultierte. Nie versiegender Frohsinn!
Darüber hinaus wurden die Openings diverser Kinderserien so schief wie laut über den nächtlichen Rhein geschmettert (”Sie lösen jädääaään Fall, was sie auch tuäääään / Das Bösääaää hat nie Zeit sich auszuruhhäääääääään”), und die kasastanische Nationalhymne nach Borat (”Kasastan is the greatest country in the world, all other countries are ruled by little girls”) fand auch genügend Gelegenheit, unsere Gehörgänge zu malträtieren.
Erwähnenswert finde ich auch meine Idee, um die Wette den Hügel hinab zu rollen: Da sich außer Büth und mir keine Mitspieler fanden (weil die Wiese dreckig war. Ihr Mädchen!
) wurde es ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit beinah fatalen Folgen.
In der ersten Runde, aus der Büth aufgrund von Frühstart sowieso disqualifiziert gehörte, hätten wir ihn beinah aus dem Hochwasser führenden Rhein fischen müssen, das zweite Mal endete in einer Karambolage zwischen uns beiden, die aber Gott sei Dank noch glimpflich ausging.
Mit ein paar Schürfwunden, aber kichernderweise schleppten wir uns zurück zum Kasten, der sich langsam der Leere näherte. Unoptimaler Zustand, muss ich schon zugeben, doch nicht verzagt! Guido hatte schließlich noch den unbeschreiblich tollen polnischen Honigschnaps im Gepäck, den wir uns gar reichlich und audienzfördernd zu Gemüte führten, darüber hinaus hatte der Büth auch noch seinen guten Freund Gorbatschow eingepackt, den wir mit Wick Blau garnierten (Eine Flasche Wodka mit einer halben Packung Wick Blau ergibt das Gesöff, dass wir “Zahnputzwasser” nennen. Schmeckt unbeschreiblich fies) und ebenfalls, ahem, genossen.
Höchste Zeit natürlich, in besoffenem Kopf Lisa anzurufen und ihr zu erzählen, dass wir uns um die Wette schmutzige Andeutungen aus dem Mediengestalterjargon ausgedacht haben. Ungeachtet der Brillanz unserer Meisterwerke des subtilen Humors wies sie mich freundlich, aber bestimmt darauf hin, dass es halb ein Uhr nachts sei, ich sie gerade aus dem Schlaf geklingelt habe und deswegen bitte mal die Klappe halten solle.
Recht hat sie!
Da unsere Grill- und Bierreserven aufgebraucht waren und Büth sowieso nur noch da liegen und sich mit Honigschnaps füttern lassen konnte, packten wir kurz darauf Sack und Pack und gingen in meine Wohnung, um noch ein wenig mein Essen zu plündern und Musik zu hören.
Um ehrlich zu sein fehlt mir ein gutes Stück des Heimwegs, ich könnte zum Beispiel überhaupt nicht mehr sagen, ob wir mit der Bahn gefahren oder zu Fuß gegangen sind…
Kaum hatten wir mit offenem Fenster die Anlage aufgedreht, als es von unten her schallte: “Hey, Nachbar!”. Der Thorsten aus der Wohnung unter mir kam gerade von einer Veranstaltung zurück, total aufgedreht aufgrund von Club Mate, einem tierisch koffeinhaltigem Nerd-Getränk, und schnorrte sich fleissig Wodka und Zigaretten.
Zur Krönung des Abends drückte ich Andrew meine Akustikgitarre in die Hand, und wir erfreuten uns an den leicht alkoholgeschwängerten, aber dennoch souverän vorgetragen Stücken Götz Wiedmanns.
Den Büth zu wecken und wieder in die Bahn zu stecken, war ein Abenteuer, dass den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde, wir waren allerdings kurz davor, einfach aufzugeben und ihn liegen zu lassen.
Mit furchtbarem Kater und einem gleichsam schlecht aufgelegtem Andi neben mir erwachte ich am nächsten Morgen und fragte mich, nachdem ich Lisa angerufen und Schadensbegrenzung betrieben habe, wie zur Hölle ich den Gitarrenunterricht verkraften sollte.
Nun ja, ich fürchte, wer feiern kann, der kann auch rocken.
P.S. Fotos folgen!
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4 Comments Add your own
1. Lisa | August 13th, 2007 at 2:33 pm
Naja, wenn ich nicht im tiefsten Westerwald gewesen wäre, sondern meinserseits Softgas abgepumpt hätte, hätte ich das sicherlich alles angemessen glorios gefunden. Schade eigentlich, dass ich nicht dabei war.
Aber gelernt habe ich: Verabrede dich niemals mit einem verkaterten Jörn.
2. ahojohnebrause | August 13th, 2007 at 3:10 pm
:P
Ich kann mich auch gut daran erinnern, dass eine gewisse weibliche Person unlängst unter den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums zu leiden hatte!
3. Lisa | August 13th, 2007 at 3:40 pm
Ah jaaa?
4. Andrew | December 26th, 2008 at 7:06 pm
Ha! Ich erinnere mich! Die Flasche Zahnputzwasser habe ich nach mehrmonatiger Aufbewahrungszeit neben meinem Bett schliesslich doch entsorgt.
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