Fremdschämen
March 15th, 2007

Die Zeitung QuerkopfIch weiß nicht, wer von meinen Lesern aus Köln kommt, weswegen ich diesen Post mit einer kleinen Erklärung beginnen möchte:
In Köln gibt es verschiedene Obdachlosenzeitungen (ist das politisch korrekt? Ich glaube, sie heißen “Mitmachmagazine”…), die bekannteste davon wird wohl der Querkopf sein. Diese Zeitungen werden in der Innenstadt von Obdachlosen verteilt, die sich so ein wenig Geld verdienen können. Eine Ausgabe der Querkopf kostet beispielsweise 1,50€, davon darf der Verkäufer 0,75€ behalten.
Querkopfverkäufer und solche ähnlicher Zeitschriften findet man vermehrt in der Innenstadt, in Fußgängerzonen und gängigerweise auch in U-Bahn-Stationen. Normalerweise steigen die Verkäufer in einer zentral gelegenen Station in die Bahn ein, versuchen, so viele Zeitungen wie möglich zu verkaufen und steigen an der nächsten Station aus, um wieder zurück zu fahren.
Sie verkaufen meist zur Rush Hour und steigen mit diesen oder ähnlichen Worten in die Bahn:
Guten Tag, ich hoffe, Sie hatten einen schönen Arbeitstag und haben vielleicht so gute Laune, mir eine Zeitschrift abzukaufen oder eine kleine Spende zu leisten?
Mit anderen Worten: Sie sind höflich und unaufdringlich.
Ganz ehrlich gesagt: Ich habe mir mal die ein oder andere Ausgabe der Querkopf gekauft, und mir als Mediengestalter wurde ein wenig anders, was die Aufmachung anbelangt. Aber ich muss sagen, das ein oder andere Thema wurde schon interessant diskutiert.
Üblicherweise jedoch begnüge ich mich damit, ihnen eine kleine Spende zu geben (0,50€ übersteigen ja gängigerweise nicht unser Budget…) oder aber sie auch anzusehen und zu sagen: “Sorry, ich habe kein Geld dabei”.
Und da fängt es auch schon an, denn damit gehöre ich klar der Minderheit an. 95% der Bahnfahrer ignorieren den Verkäufer vollkommen. Gänzlich, absolut. Keine Regung. Bin ich denn der Einzige, der das ein klein wenig unwürdig findet? Okay, ja, sie sind obdachlos, und die meisten sehen auch ungefähr so aus. Und viele von ihnen riechen nach Alkohol. Ja, ich geb’s ja zu. Aber ich finde das noch lange keinen Grund, einem Menschen auf eine höfliche Frage keine Antwort zu geben, ja, ihn nicht einmal anzusehen.
Da setzt bei mir ganz klar das so genannte Fremdschämen ein (hübsche Erklärung auf dem Blog von Joerg Moellenkamp bei Google gefunden), dieses Verhalten ist mir ehrlich peinlich, und eigentlich wollte ich schon vor langer Zeit darüber gebloggt haben.
Was letzten Endes des Ausschlag dafür gegeben hat, war ein Erlebnis, welches sich gestern auf dem Weg nach Hause abspielte (richtig geraten: Rush Hour). Der Verkäufer war kaum in die Bahn eingestiegen, als der Fahrer über Lautsprecher folgendes verlautbaren ließ:
Bitte verkaufen Sie Ihre Zeitungen nicht hier in der Bahn, die Leute fühlen sich belästigt. Bitte verlassen Sie ebenfalls den Bahnsteig, denn es handelt sich um den Besitz der Kölner Verkehrsbetriebe und wir möchten hier keine kommerziellen Angebote.
Richtig! Denn man sollte obdachlosen Menschen auf jeden Fall die Möglichkeit nehmen, für ihr Geld zu arbeiten statt zu betteln, und ihnen grundsätzlich auch etwas mehr Frust aufbürden, damit sie was zum wegsaufen haben, denn sonst könnten wir dem nächsten, der uns um Geld anbettelt, ja nicht sagen: “Du kriegst nichts, du willst es ja eh nur versaufen.”
Meine Güte.
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2 Comments Add your own
1. Büth | March 16th, 2007 at 8:17 pm
Genauso gehts doch auch bei normalen Bettlern in der S-Bahn. Die steigen meist in Deutz ein und in Buchforst oder Mühlheim wieder aus. Da kümmern sich auch die Wenigsten drum. Gut, manchmal stört einen das vielleicht und man denkt schon, ich sach jetzt gleich auch mal nix. Aber letztendlich tut man das dann doch…
Ich finds auch widerlich, genauso wie dieses ewige “dersteigtdochnachherinseinenMercedesGequatsche”. Hauptsache man hat ne Ausrede. Schön alle verurteilen, obwohl es vielleicht mal ein schwarzes Schaf unter 50 gibt…
Musst ich jetzt auch mal dazu loswerden. Vielen Dank jedenfalls für deinen Eintrag, der spricht mir irjendswie auch so ausser Seele,
Büth
2. ahojohnebrause | March 16th, 2007 at 8:30 pm
Stimmt, das kommt ja noch dazu!
Das ganze Gerede über “Der muss ja gar nicht wirklich betteln”…genau. Wahrscheinlich fährt er aus Jux und Dollerei den ganzen Tag S-Bahn und lässt sich von Leuten beschimpfen, da das ja auch richtig lukrativ ist.
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