Der Waschküchendämon

March 12th, 2007

In meiner Waschküche wohnt ein kleiner, fieser, gehörnter Dämon, der den ganzen Tag diabolisch vor sich hin kichert und nur darauf wartet, dass ich, mit einem Berg Wäsche bewaffnet, durch die Tür trete, um dann alles daran zu setzen, mir Knüppel zwischen die Beine zu werfen.

Wie das Grauen begann

Lasst mich kurz die Ausgangssituation erklären, damit ihr versteht, warum ich vielleicht schon mal anfangen sollte, in den gelben Seiten unter E wie Exorzist nachzuschlagen: Das Haus, in dem ich wohne, verfügt über einen kleinen, zentralen Waschkeller, in dem ein paar Mieter ihre Waschmaschinen postiert haben, um in ihren Wohnungen mehr Platz zu haben. Diese sind generell für die Mieter zugänglich, so dass ich mir keine eigene Maschine zulegen muss. Um die Kosten für Wasser und Strom nicht auf die Nebenkosten umlegen zu müssen, kann man nur waschen, wenn man vorher einen Euro in einen kleinen Kasten geworfen hat, denn nur über den werden die Maschinen zwei Stunden lang mit Strom versorgt (Wasseranschluss ist zwar dauerhaft vorhanden, aber was hilft der ohne Saft…).

So weit, so gut.

Angriff des Waschküchendämons, Teil 1

Es begab sich also, dass ich nach ein paar Tagen in meiner neuen Wohnung selbstverständlich ein paar T-Shirts in meinem Wäschesack angesammelt habe, die ich zu säubern gedachte. Ich bewaffnete mich mit einem Wäschekorb, Waschpulver und detaillierten Anweisungen, was zu tun sei, und machte mich auf den Weg in den Keller.

Ein klein wenig vor Furcht zitternd, aber neugierig und ambitioniert, tastete meine Hand nach dem spinnwebversetzten Lichtschalter des Kellers. Nach ein paar flackernden Anläufen erwachte die Glühbirne zu schwachem Leben und tauchte die noch schlummernden Maschinen in ein fahles Dämmerlicht, welches sie fast wie eine Art bedrohlicher Lebewesen wirken ließ, die nur darauf warteten, sich auf mich zu stürzen.

Ich schluckte schwer, doch machte mich nichtsdestoweniger tapfer daran, die Auswahl an Waschmaschinen zu inspizieren. Das Spektrum reichte von einem uralten Ökomodell, der wahrscheinlich zu Vorkriegszeit gebaut worden war und unter den Maschinenwesen wohl den Platz des Dorfältesten einnahm, bis hin zur strahlenden, neuen, durchtrainierten Maschine, welche allerdings leider durch den Aufkleber “Privat!!!!!!” (selbstverständlich liebevoll gestaltet mit Original-Word-Art-3D-Effekt) für mich unbrauchbar wurde.

Nach einigem Grübeln entschied ich mich für eine Waschmaschine, die einigermaßen sauber aussah und deren Programmschalter sich für mich nicht las wie kyrillische Lyrik, und riskierte einen angstvollen Blick über die Schulter, bevor ich loslegte. War das da ein rötlicher Schatten, der dort hinter die Ecke gehuscht war? Ach, Unsinn.

Mit Tapfer zusammengebissenen Zähnen füllte ich also das Waschpulver ein, stopfte meine Wäsche in das riesige, zyklopige Auge und stutzte. Die Maschine war überhaupt nicht an die Wasserleitung angeschlossen. Hervorragend. Ich hätte natürlich den Schlauch einer anderen Maschine abnehmen und an diese anschließen können, aber konnte ich mir denn sicher sein, dass dieser Schlauch zur Zeit kein Wasser führte? Ungern hätte ich es mir direkt in der ersten Woche meiner Mieterschaft erlaubt, den Keller in ein spinnenbefallenes Aqualand zu verwandeln.

Also räumte ich die Wäsche in eine andere Maschine um. Das war einfach. Danach räumte ich das Waschpulver in eine andere Maschine um. Das war schwer. Aber es gelang mir, allerdings nicht ohne mir das T-Shirt mit den Wasserresten aus der Waschpulverschublade zu dekorieren. Zu diesem Zeitpunkt meinte ich schon, ein leises Kichern hören zu können.

Doch verzagte ich nicht, denn was blieb mir denn anderes übrig? Schwungvoll warf ich das Bullauge der nächsten Maschine in die Verrieglung, allerdings wohl nicht schwungvoll genug, denn ich musste noch ein wenig mit manueller Gewalt nachhelfen, bis es wirklich einschnappte.
Glücklich über die gemeisterte Situation wollte ich mich jetzt mit der Wahl des richtigen Programms beschäftigen. Und hier folgt das eigentlich peinliche an der Geschichte: Ich konnte einfach nicht herausfinden, welches Programm das richtige ist. Es ging nicht. Meine Erinnerung an die gut gemeinten Ratschläge meiner Mitmenschen waren wie weggefegt.
Resignierend drückte ich auf den Tür-Knopf der Waschmaschine, und was ich vorhin nur als leises Kichern gehört zu haben glaubte, eskalierte jetzt in ein verhaltenes Lachen, ein höhnisches “Hehehehehehehe” von hinter dem Trockner: Die Tür ging nicht auf.

Ich riss und ich zerrte, ich klopfte und schlug, ich betete zu allen Entitäten, die zufällig zuhörten, dass sie doch meine schmutzige Wäsche den Klauen dieser diabolischen Waschmaschine entreißen mögen, doch vergebens.

Es dauerte ungelogene 5 Minuten voller Lärm und Geschrei, bis sich in meinem angstvernebelten Gehirn die Erkenntnis manifestierte, dass Waschmaschinen wohl wahrscheinlich über eine elektronische Sperre verfügen, um zu verhindern, dass einem die ganze Suppe um die Füße tanzt, sobald man die Maschine einschaltet.

Schweren Herzens opferte ich meinen Euro, und siehe da: Die Maschine öffnete sich widerstrebend und entließ ihre Geiseln in die Freiheit.

Keuchend und erschöpft, aber inzwischen ordentlich wütend auf den Dämon, der sich wahrscheinlich irgendwo wiehernd auf die Schenkel klopfte, wandte ich mich an die nunmehr dritte Maschine.

Dieses mal peinlich darauf bedacht, keinen Fehler zu machen, kontrollierte ich Strom- und Wasseranschluss, wählte zuerst das Programm mit Bedacht und füllte anschließend erst Wäsche und Waschpulver ein.

Zufrieden mit mir, meiner Leistung und damit, dem Waschküchendämon durch meinen überlegenen Intellekt ein Schnippchen geschlagen zu haben, klopfte mir die Hände an der Hose ab und ging wieder nach oben.

Kaum war ich durch die Kellertür getreten, da setzte ein teufliches Gelächter ein und die Tür fiel mit brachialem Krachen hinter mir ins Schloss, ohne dass ich sie angefasst hätte. Das war genug: Vorerst floh ich in die sichere Geborgenheit meiner Wohnung.

Nachdem ich eine Stunde lang auf meinem Nagelbett herumgekaut hatte, blieb mir wohl nichts anderes mehr übrig, als mich erneut in das Reich des Dämons zu begeben, schließlich wollte ich meine Wäsche zurückerobern. Zu meiner Verwunderung bekam ich die Tür anstandslos auf und auch die Maschine machte ein friedlich schlummerndes Gesicht. Das Bullauge öffnete sich ganz einfach und gab meine Eroberung preis.

Ich hielt inne. War es so einfach? Konnte ich wirklich gewonnen haben? Nein, dachte ich. Der Waschküchendämon kann so einfach nicht zu schlagen sein. Furchtsam streckte ich die Hand aus, berührte langsam und vorsichtig die Wäsche (aus Angst, die Waschmaschine könnte erwachen und beißen) und realisierte, dass ich diesen Kampf verloren hatte Die Wäsche war klatschnass. Nicht klamm, nicht feucht, sondern tropfend. Seufzend barg ich meinen traurigen Schatz und trat leise weinend den Rückzug an.

Als ich über die Türschwelle trat, drehte ich mich noch einmal um, schüttelte die Faust und rief mit zitternder Stimme: “Nächstes Mal gewinne ich, Waschküchendämon!”

Es dauerte zweieinhalb Tage, bis meine Wäsche ordentlich getrocknet war, trotz Auswringen.

Angriff des Waschküchendämons, Teil 2

Nachdem ich nun meine inzwischen wieder getrockneten T-Shirts wieder tragen konnte, waren gestern Bettwäsche und Handtücher dran.

Natürlich vermeinte ich schon zu spüren, wie der Dämon in seinem Reich sitzt und seine mit Wäscheklammern gespickten Klauen nach mir auszustrecken, doch ich war wild entschlossen, dieses Mal alles richtig zu machen. Ich bewaffnete mich erneut, recherchierte noch intensiver über die richtige Vorgehensweise und machte mich daran, den Waschkeller zurück zu erobern.

Dass man Bettwäsche und -tücher mit 60°C waschen und etwas mit Vorsicht bedenken sollte, wusste ich inzwischen, also wählte ich die selbe Waschmaschine wie beim letzten Mal, kontrollierte die Anschlüsse und stellte fest, dass ich mein Waschpulver vergessen hatte.

Ich hüpfte also leichtfüßig wieder die Treppe hoch, schloss meine Wohnung auf, holte das Waschpulver aus dem Schrank, hüpfte leichtfüßig aus der Wohnung, schlug die Tür hinter mir ins Schloss…und stellte fest, dass ich mich erfolgreich selbst ausgeschlossen hatte.

Kein Schlüssel, kein Handy. Es war zum Verzweifeln mit mir, ich hätte schwören können, ihn stecken gelassen zu haben.

Nun ja. Ich realisierte recht zackig, dass Jammern und Motzen nichts half, als machte ich mich auf Pantoffeln auf den Weg zu Lukas, um sein Telefon zu borgen. Einen Telefonanruf und 10 Minuten Wartezeit später stand meine treue und zuverlässige Mutter mit dem Ersatzschlüssel vor der Tür und ich konnte wieder in meine Wohnung. Nur in das Haus selber nicht (meine Familie hat nur einen Schlüssel zur Wohnung selbst), also kontrollierte ich, ob vielleicht jemand die Tür zum Hof hatte offenstehen lassen.

Leider nicht, aber dafür hörte ich Schrittgeräusche im Treppenhaus. Die nette Person, die mich einließ, hört auf den Namen Petra, ist Mieterin und…wer ahnt es? An einem Sonntag natürlich auf dem Weg in den Keller, um ihre Wäsche zu waschen.

Long story short: Ich bin also gestern wieder nicht dazu gekommen, meine Wäsche zu säubern und muss das nun heute nachholen.

Doch: Die Schlacht ist vielleicht verloren, aber der Krieg noch lange nicht zu Ende. Heute Abend stürze ich mich zuerst in meine Rüstung und dann in den Kampf gegen den Waschküchendämon.

Vielleicht, wenn ich mein Waschwasser vorher segnen lasse…

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