Ich habe ein Problem

August 15th, 2006

Der Raum, in dem ich mich befinde, ist groß und steril.
Jede meiner Bewegungen auf dem unbequemen Stuhl verursacht ein unangenehm lautes Geräusch, das von den nackt getäfelten Wänden widerhallt.
Ein knappes Dutzend Augenpaare bohren sich in meinen Kopf und versuchen meine Gedanken zu erraten.
Nach einer geraumen Weile gelingt es mir, meinen Mut zu sammeln, ich stehe knarrend auf und setze an: “Hallo, mein Name ist Jörn.”
“Hallo Jörn”, antwortet das Kollektiv.
“Örn, örn, örn” echot der Raum.
Ich scharre mit den Füßen. Natürlich hatte ich mir zurechtgelegt, was ich sagen wollte, und natürlich sind die Sätze im unbarmherzigen Treibsand meiner Angst verloren gegangen.
Nach ungefähr vierhundert Jahren fragt mich der Anführer: “Warum bist du hier?”
Ich schlucke schwer. “Ich bin abhängig.”
“Das sind wir alle. Warum bist du hier?”
“Sie hat schon als Kind angefangen. Die Sucht, meine ich”, sage ich und kratze mich am Hinterkopf. “Anfangs wenig, dann mehr, bis ich knietief drin stand. Irgendwann dachte ich, ich hätte es überwunden. Jahrelang war ich runter!”
Das Echo meiner Worte wird vom Applaus verschluckt, der durch das überwältigende Echo eher furchteinflößend als ermutigend wirkt.
“Doch jetzt hat es wieder begonnen. Meine Freunde haben wieder angefangen, und sie hatten so einen Spaß bei der Sache, dass ich auch mitmachen wollte. Und jetzt…”
Ich mache eine Pause, kämpfe gegen den nervlichen Kollaps.
“Jetzt ist alles wieder so wie früher.”
Die Sätze lassen sich nicht mehr halten, sie sprudeln aus mir hervor wie Blut aus einer frischen Wunde:
“Ich hab es doch anfangs nur ausprobieren wollen, ich wollte nur noch einmal erfahren, warum ich früher so süchtig danach war, und anfangs war es auch alles noch harmlos und schön, es hat Spaß gemacht, versteht ihr, Spaß, und irgendwann schaue ich auf die Uhr, und es ist schon tief in der Nacht, aber es hilft nichts, ich kann nicht aufhören, es macht einfach zu viel Spaß, ich will darin versinken, ich will mich ergeben, versteht ihr denn nicht?”
Händeringend stehe ich da und lasse meinen Blick über die versammelten Gestalten schrecken wie ein aufgescheuchter Vogel.
“Ich komme nicht mehr davon los! Die Kohle kommt schließlich nicht von allein rein! Und die Güter müssen auch in die nächste Stadt! Ohne Eisenerz gibt es keinen Stahl, und ohne Stahl keine Waren und ohne Waren kein Städtewachstum! Das ist es, was mich gefangen hält! Versteht ihr denn nicht?”
Inzwischen stehe ich in der Mitte des Stuhlkreises und drehe mich wild gestikulierend im Kreis, suche nach Zustimmung.
“Versteht ihr denn nicht?” nehme ich mein eigenes Echo auf. “Ich bin süchtig nach Transport Tycoon!”
Mein Atem rast, mein Puls hämmert gegen die Innenseite meines Schädels.
Schweißdurchtränkt setze ich mich auf meinen Stuhl und keuche noch ein paar Mal, bevor sich mir ein Schleier vor die Augen legt.
Der nächste aus der Gruppe steht auf und beginnt mit: “Hallo, mein Name ist Lukas.”

Ja, es stimmt.
Wenn ihr den Grund erfahren wollt, warum ich seit dem Wacken Open Air keinen Post mehr verfasst habe: Das ist er.
Jede freie Minute, die ich habe, geht entweder dafür drauf, Homepages zu basteln (hab noch ein paar ausstehen), oder eben Transport Tycoon zu spielen (okay, ist natürlich übertrieben, so abhängig bin ich dann doch nicht).

3.png

TT ist eines der wenigen Spiele, die ich in meiner frühen Jugend bis kurz vor den Exitus gezockt habe.
Inzwischen ist das Spiel als OpenTTD wieder aufgelegt worden (als OpenSource-Projekt, also Freeware), und ich konnte einfach nicht mehr widerstehen.

Das Spielprinzip ist eigentlich ziemlich einfach: Der Spieler übernimmt die Rolle einer Transport-Firma, die verschiedene Güter quer über eine Karte schaffen muss, per Zug, Bus, Schiff oder Flugzeug.
Außer den Städten findet man auf der Karte auch verschiedene Industriezweige, die sich alle gegenseitig bedingen, beispielsweise muss Kohle ins Kraftwerk geliefert werden und Holz ins Sägewerk.
Das Bauen von Strecken ist auch Sache des Spielers, dafür wird Gelände planiert, abgesenkt oder angehoben, Brücken und Tunnel werden angelegt. Darin begründet liegt eigentlich auch der Haupt-Spaßfaktor des Spiels: Sich die besten Strecken überlegen und schauen, wie man sie am kostengünstigsten schönsten umsetzt.

Am meisten Spaß macht aber die Tatsache, dass kein gesetztes Spielziel vorliegt. Man kann ein Szenario theoretisch spielen, bis man 80 ist, tut nichts zur Sache.
Zwar hat man irgendwann alle Industrien miteinander verbunden und Geld in dreistelliger Millionenhöhe, aber das ist dann der Zeitpunkt, an dem die selbstgesteckten Ziele beginnen.
Beispiele:

  • Dirk und ich hatten es uns zum Ziel gesetzt, eine Stadt, die uns die Baugenehmigung verweigert hat, komplett zu ruinieren, also haben wir ihre Infrastruktur abgeschnitten, nach und nach alles Land aufgekauft und dann so lange abgesenkt, bis es auf einem Level mit dem Meeresspiegel lag und somit überflutet wurde. Hat uns ungefähr drei Stunden gekostet.
  • Thomas hat einmal alle seine Züge zu Untergrundbahnen umfunktionieren wollen. Völlig sinnloses Unterfangen, spieltechnisch ohne jede Bedeutung, aber macht einen Heidenspaß.
  • Ich wollte einen Flughafen bauen, der Flugzeuge vom oberen linken Ende der Karte bis unteren rechten Ende der Karte schickt. Das Flugzeug ist pro Flug über 4 oder 5 Minuten unterwegs (normal: 30, 40 Sekunden) und macht pro Flug knappe 30.000 Miese. Ich hab es mir jetzt zum Ziel gesetzt, diesen Flughafen ums Verrecken soweit aufzuplustern, das er Gewinn abwirft.

Und darin liegt auch der Suchtfaktor des Spiels: Kein Spiel ist wie das vorige.
Und das ist mit der Grund, warum ich im Moment so wenig blogge.
Außerdem habe ich im Moment Berufsschule, hab also einfach nicht die Möglichkeit, nebenbei in der Pause ein paar Zeilen zu verfassen. Aber dafür gibt es ja schließlich Gruppenarbeit, und für die Gruppenarbeit müssen wir selbstverständlich das Internet nutzen, und wenn man schon mal im Internet ist…

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1 Comment Add your own

  • 1. Mr. FLowers  |  August 23rd, 2006 at 10:03 am

    Gravatar!

    Hey Jörn!!!

    Wie gehts dir so? Lang nix mehr von dir gehört!
    Was macht das button-geschäft…
    Aber kein wunder dass wir damals mit den button
    maschinen schon ein wenig in richtung weltkonzern gesponnen haben: Das kommt wohl davon wenn man als Kind Transport Tycoon bis zum umfallen spielt!

    Ich oute mich einfach mal gleichermaßen als ehemals Süchtiger Tycoon Spieler! Hätte ich nich gedacht von dem Spiel nochmal was zu hören.

    Ich glaub ich werd mir das Spiel demnächst nochmal reinziehen!!!
    Wenn du bock hast meld dich mal Jörn!

    Machs gut und bis dann!
    Toby

    PS: Lustig wars auch immer die gegnerischen straßen mit
    schienen zu belegen um anschließend die straße abzureißen und eine schienenkreuzung darauf zu platzieren um dann den gegner mit seinen lkws auf einem winzigen straßenstück verrückt werden zu lassen und in den ruin zu treiben!


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