Festivalbändchen
Wir wollen uns heute mal mit einem Phänomen beschäftigen, welches viele von euch sicherlich missverstehen. Festivelbändchen werden von manchen Leuten geliebt, von anderen verachtet, von den meisten nicht mal wahrgenommen. Für die einen sind sie ein kleines Stück Lebensgefühl (doch, wirklich!), für andere nichts als ein langsam verrotendes Stück Stoff am Handgelenk. Fangen wir doch einfach mit der Begriffsklärung an und konsultieren kurz die Wikipedia zu dem Thema. Sie weiß zu berichten:
Bei den kommerziellen Festivals (wie zum Beispiel Rock am Ring) ist das eigentliche Festivalgelände vom Campingplatz getrennt. Jeder zahlender Festivalbesucher ist an einem Stoffarmband erkennbar, das bei Abgabe seiner Eintrittskarte um das Handgelenk geschnürt wird.
Und genauso geht es von Statten. Um vom Campingplatz aufs Festivalgelände zu kommen, muss man sich in einer Schlange anstellen und sich von Security-Mitarbeitern abtasten lassen, die gleichzeitig kontrollieren, dass man das Bändchen am Arm
hat und so auch zugangsberechtigt ist. Das Bändchen erhält man an einem speziellen Stand zwischen Camping- und Festivalgelände gegen Abgabe der Eintrittskarte. Es besteht aus einem Textil- oder Synthetikstoff, wird am Handgelenk der Wahl festgezurrt und mit einem zusammengequetschten Stück Metall fixiert. Das hat den Vorteil, dass man es nicht verlieren kann, andererseits ist es so aber auch unmöglich, sich den Eintritt aufs Gelände zu “erschleichen”, in dem man das Bändchen von jemandem über
den Zaun geworfen bekommt (abgesehen davon, dass wir letztes Jahr zwei Mädchen dabei hatten, die gelenkig genug waren, das Bändchen trotzdem abzustreifen). Das Bändchen ist normalerweise recht nett gestaltet und weist außer Namen und Logo des betreffenden Festivals auch die Jahreszahl und das Datum aus. Was den Zwiespalt an der Sache entfacht, ist die Tatsache, dass regelmäßige Festivalgänger die Dinger auch noch Jahre nach der eigentlichen Festivität am Handgelenk baumeln lassen, was nach einigen Jahren Musiktreue
schon mal in recht wolfgangpetriesken Unterarmen resultieren kann. Mein Unterarm ist zwar auch schon behangen, aber noch sichtbar, wie sich an nebenstehendem Bild erkennen lässt. Von oben nach unten kann man erblicken:
- Wacken Open Air 2006
- Taubertal…äh…2004? (wer mag mich da berichtigen? Das Bändchen ist leider nicht mehr zu entziffern…)
- Wacken Open Air 2005
- Terremoto (Rock Weeze) 2003
- Wacken Open Air 2004
Also, kommen wir zum Knackpunkt dieses Postes: Warum tragen ich und andere ihre Bändchen noch am Arm, obwohl sie doch einen so eklatanten Mangel an Hygiene aufweisen (immerhin sammelt sich da Schmutz drin!).
Grund 1: Du warst da
So trivial es klingen mag: Du warst auf diesem Festival. Und du hast das Märtyrertum über dich ergehen lassen, welches damit verbunden ist. Du bist mehrere Stunden in einem vollgepackten Auto zum Gelände gefahren. Du hast dein Zelt im Regen aufgebaut und die Heringe in weichen Schlamm geschlagen. Du hast darin geschlafen, obwohl dir die Mittelstange durchgebrochen ist. Du hast dich mit Security-Beamten gestritten, ob du Sonnencreme mit aufs Gelände nehmen darfst. Du hast dich schlafen gelegt, während um dich
herum eine riesige Party tobte. Du hast dich in eine Unmenge von Leuten gedrängelt und stundenlang unter sengender Sonne gestanden, bis dir der Kreislauf weggesackt ist, um deine Bands zu sehen. Du bist, mit nichts als Turnschuhen bewehrt, durch knietiefen Schlamm gewatet, um dir einen Döner zu kaufen. Du bist morgens aufgestanden, hast dir die Zähne geputzt und danach um 9.00 Uhr morgens das erste Bier gezischt. Du hast sowieso mehr Bier getrunken, als in der restlichen Zeit des Jahres zusammengezählt.
Du hast eine Woche lang nichts anderes als Fertignudelsuppen aus dem Chinamarkt gegessen. Du hast eine Woche lang nicht geduscht. Es ist schwer, jemanden das Gefühl eines Festivals zu vermitteln, der nicht dabei gewesen ist. Auf einem Festival zu sein, bedeutet, für eine Zeitlang auf den Luxus zu verzichten, den man gewöhnt ist, und sich in eine Art Wildnis zu begeben, in der eigene Regeln herrschen und die eigenen Gesetzen unterliegt. Und so gesehen ist ein Festivalbländchen ein Orden, den man sich verdient
hat, und den man stolz am Handgelenk trägt.
Grund 2: Nicht nur du warst da
Du bist natürlich auch mit Freunden auf das Festival gefahren, die selbstverständlich auch ein Bändchen bekommen haben und es mit dem gleichen Stolz tragen. Und auch das macht einfach Spaß: Einen Blick auf das Handgelenk eines guten Freundes zu werfen und ein kleines Lächeln auf den Lippen wachsen zu sehen, weil man sich daran erinnert, was für eine geile Zeit man da verlebt hat. Davon abgesehen wird man verblüffend oft von Leuten angesprochen, die man gar nicht kennt, und mit denen man sich sonst nie unterhalten
hatte, nur, weil sie deine Bändchen gesehen haben: "Das war ne richtig geile Party, oder?"
Grund 3: Die Erinnerung
Es war einfach eine schöne Zeit. Egal, wie beschissen das Festival war, egal, wie oft deine Lieblingsband sich bei deinem Lieblingssong verspielt hat, du warst da und hast es miterlebt, du warst dabei und ein Teil davon. Und das fühlt sich gut an.
Fazit
Warum ich diesen Post geschrieben habe? Ich bin mir nicht ganz sicher. Wahrscheinlich, weil ich allen Leuten, die den ganzen Aufruhr über ein paar Bändchen aus Stoff einfach nicht verstehen konnten, einfach mal mitteilen wollte, wie ich mich dabei fühle. Lasst mich doch mal wissen, was ihr dazu denkt.
19 comments February 2nd, 2007