Ich habe die Hölle gesehen
Dass ich diese Zeilen hier überhaupt noch schreiben kann, grenzt an ein Wunder.
Dass ich nur so langsam tippen kann, liegt daran, dass ich in regelmäßigen Intervallen innehalten muss, um mir den Angstschweiß abzuwischen, der mir noch immer auf der Stirn steht.
Doch vielleicht sollte ich die Geschichte von Anfang an erzählen…
Es begann damit, dass eine Kollegin ihren Kopf in das große Büro der Grafikabteilung unseres Betriebes steckte und frohlockte: “Wir haben uns überlegt, dass wir doch dieses Jahr mal wichteln könnten. Hättet ihr Lust?”
“Nein”, sagte Sabrina bestimmt.
“Auf gar keinen Fall”, antwortete Guido.
“Geh wieder zurück in die Hölle aus der du gekommen bist und hör auf, meine Seele zu quälen, Dämon!” rief ich und bewarf sie mit meinem Monitor.
Wie es der Teufelsbrut am Ende gelang, uns breit zu schlagen, wird mir auf immer ein Rätsel sein, aber wir willigten tatsächlich ein.
Natürlich hab ich die Entscheidung, was ich der Unglücklichen, die mein Geschenk auspacken muss, kaufen soll, lange vor mir hin geschoben. Der Zweck am Wichteln liegt selbstverständlich auch darin, den anderen besser kennen zu lernen, doch gerade das viel mir schwer.
Ich entschloss mich, mir helfen zu lassen, und fragte in ihrer Abteilung ein wenig rum, bis ich einen ungefähren Trend erkennen konnte: Rot ist gut, Kitsch ist ebenfalls gut, “geh doch mal bei Douglas gucken.”
Douglas.
Okay. Natürlich kannte ich Douglas, ich wusste sogar, wo die Filiale steht.
Was ich nicht wusste, war, was mich dort erwartete.
Ich brauchte überhaupt erst einmal zwei Anläufe, um den Laden auch nur betreten zu können, denn die beinahe massive Wand aus Parfümwolken traf mich völlig unvorbereitet und ließ mich beinahe bewusstlos zu Boden gehen. Half aber nichts, ich brauchte das Geschenk schließlich in zwei Tagen. Also tief Luft holen, Atem anhalten und rein da.
Das erste, was mir auffiel, war, dass überall Mitarbeiter standen. Ich will den Vergleich mit dem Rudel Löwen und der armen zarten Antilope nicht überstrapazieren, doch ich fühlte mich wie eine arme, zarte Antilope in einem Rudel Löwen.
Ihre straff gekämmten Frisuren und ihre perfekt sitzenden Haarspangen schienen telepatische Signale auszusenden: “Kaufenkaufenkaufenkaufenkaufenkaufenkaufenkaufen” wummerte es dumpf hinter meiner Schläfe. “kaufenkaufenkaufenkaufen.”
Darüber hinaus war alles…farbig. Es gibt keinen anderen Ausdruck dafür. Wenn man sich in seiner normalen Umgebung umschaut, wird man zwangsweise Gegenstände finden, die keine besondere Farbe haben. Sie sind halt blau, oder braun oder schwarz, weil sie eben so sind. In diesem seltsam anmutenden Zwischenreich war alles entweder türkis oder pink. Manchmal vielleicht auch rosa.
Ich versuchte eine Weile, alleine zurecht zu kommen. Mir war bewusst, dass in diesem Laden irgendwo präsentfähige Gegenstände herumstehen mussten, ich wusste nur nicht, wo, zum Teufel. Ich hatte gerade den Blick angewiedert von einem furchtbar, furchtbar, furchtbar pinken Stück Seife abgewandt, als es passierte.
“Jörn?”
Ich zuckte zusammen. War es zu spät? Konnte ich mich noch verstellen? Wie gut kann ich einen holländischen Akzent vortäuschen, wenn es drauf ankommt? Wäre jetzt der Zeitpunkt, die Cyankalikapseln, die ich immer griffbereit in meiner Tasche trug1, einzusetzen? Ich entschied mich dagegen.
“Ach, hi $Vorname.”
Natürlich, es war das bedauernswerte Mädchen, dass sich mit meinem Geschenk abfinden musste. Von den 1.000.000 Menschen, die in Köln lebten…
“Was machst du denn hier?” fragte sie.
Was soll ich darauf sagen? Was werde ich wohl im Douglas tun? Neue Duftkerzen kaufen? Gibt es Duftkerzen mit Bieraroma? Ich musste eine Ausrede finden, eine gute, stammelte stattdessen allerdings doch etwas davon, dass ich noch ein Geschenk für meine Mutter suche.
Sie schien es zu glauben und verabschiedete sich kurz darauf. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Jetzt konnte ich mich also wieder meinem Problem zuwenden. Na, Gott sei Dank.
Ich suchte mir die Verkäuferin, in deren Augen ich das meiste Mitleid ausmachen konnte, kniff meine Augen zusammen, um durch ihr unvorstellbar großes Grinsen nichts von meiner Sehkraft einbüßen zu müssen2 und wagte den Angriff.
“Helfen Sie mir!” jammerte ich und kämpfte tapfer um meine Selbstbeherrschung.
Ein kleiner Riss zog sich nun durch ihr perfektes Grinsen. “Nja?”
Da mir langsam die Luft ausging, erläuterte ich den Sachverhalt so schnell ich konnte und unter Zuhilfenahme aller Gliedmaßen, deren ich habhaft werden konnte, angewachsen oder nicht. Ich erwähnte sogar “rot” und “Kitsch” zwischendurch. Ich war stolz auf mich.
“Welche Haarfarbe hat denn die Dame?” fragte sie schließlich, immer noch breit lächelnd.
“……………………………………..ZsdglIföfdgüpoSjmvncv.sdjsU?” antwortete ich.
Was zum verfluchten Henker hat denn die Haarfarbe damit zu tun? fragte ich mich. Zurecht, wie ich finde. Ich antwortete aber dennoch auf Fragen wie Hautfarbe oder Beruf; ich hatte mich schon viel zu sehr mit meinem unvermeidlichen Schicksal abgefunden, um noch Widerstand zu leisten.
Schließlich erwarb ich etwas, was Frauen dazu benutzen könnten, etwas in ihrem Gesicht zu verändern, glaube ich, und ein anderes Dings, welches augenscheinlich einem anderen Zweck dient.
Ich glaube aber, es wird ihr gefallen, denn es ist rot und kitschig.
Eigentlich wollte ich mich schon Richtung Kasse und damit Richtung Freiheit bewegen, als sie mir den Kram wieder aus den Händen nahm (WTF?) und murmelte: “Warten Sie, ich suche Ihnen noch ein Parfümpröbchen raus.”
Und tatsächlich, sie holte wirklich ein kleines Einkaufskörbchen, in das sie meinen neu erworbenen Besitz plus eine Probe von…lasst mich nachsehen gehen…Boss Selection legte.
Etwas verwirrt, aber immer noch entschlossen, diesem Alptraum zu entfliehen, taumelte ich zur Kasse.
Die Verkäuferin fragte mich natürlich, ob ich es noch eingepackt haben wolle; schließlich sei bald Weihnachten, wie sie mich informierte. Meine Verneinung dieser Frage musste ich tatsächlich noch einmal wiederholen, was mir einen enttäuschten Blick der drei 16-jährigen hinter der Kasse einbrachte, die nichts anderes taten, als Geschenke zu verpacken. Um ihre Seele zu trösten, protestierte ich nicht, als mir die Verkäuferin eine weitere Handvoll Parfümproben in die Tasche wuchtete.
Auf meinem Weg nach draußen beäugte ich den Türsteher kritisch (ja, Douglas hat einen Türsteher. Wahrscheinlich, um 13-jährige Mädchen zu verprügeln, die Parfüm und Lippenstift klauen), aus Angst, er könnte mir ohne ersichtlichen Grund um die Beine springen, und wäre beinahe vor Schreck tot hingeschlagen, als mir eine Frau, deren Gesicht so grotesk geschminkt war, dass sie eher an eine verputzte Wand erinnerte als an alles andere, noch einen schönen Abend wünschte und sich für meinen Kauf bedankte.
Ja, tatsächlich. Für meine 13 Euro Warenwert würde mir tatsächlich gedankt. Furchteinflößend.
Ich verstaute die aufdringlich türkisfarbene Tüte so gut es ging in meiner Tasche, zog den Hut tiefer ins Gesicht und verließ diesen Ort des Schreckens so schnell ich konnte.
Niemals, niemals, niemals wieder werde ich dieses Nest namenhaften Grauens betreten.
Fußnoten
1. Was dachtet ihr denn? Dass das wirklich Fisherman’s Friend in der kleinen Packung in meiner Tasche sind?
2. Habt ihr schon mal einen Menschen gesehen, dessen Gesicht nur aus einem riesigen Grinsen mit Frisur besteht? Nein? Douglas auf der Schildergasse!
3 comments December 15th, 2006