Überstunden
Es geschieht eine Veränderung mit dir, wenn die Zeiger der Uhr die Große Fünf passieren.
Wenn die letzten Kollegen dir einen schönen Feierabend wünschen, merkst du allmählich, wie sich die Atmosphäre im Büro verändert.
Du schaust auf die Uhr und stellst fest, dass du ab jetzt Überstunden schiebst.
Dies ist nicht mehr die Zeit, die du fürs Arbeiten eingeplant hast. Nein, die Zeit, die du jetzt hier hockst und arbeitest, ist deine Freizeit. Ein Einschnitt in dein Leben.
Du arbeitest immer noch für die Firma, aber die Zeit, die du verbrauchst, wird von deinem Konto abgebucht. Und vielleicht bekommst du nicht einmal Geld dafür.
Bis Feierabend ist jeder Blick auf die Uhr verbunden mit dem Gedanken, dass es dir nicht schnell genug gehen könnte, aber diese Perspektive ändert sich, sobald deine reguläre Arbeitszeit abgelaufen ist.
Mit einem Mal wird dir klar, dass das Zeit ist, die du nicht wieder sehen wirst.
Zeit, die scheibenweise von deinem großen Pensum abgeschnitten wird. Der du Winke-Winke sagen kannst.
Zeit, die du damit verbringen könntest, zu schlafen, mit deinen Freunden zu lachen, deine Freundin zu küssen oder die beste Idee deines Lebens zu haben. Stattdessen ackerst und ackerst und ackerst du.
Vielleicht ist das der schlimmste Gedanke: Die Erkenntnis, dass du besseres mit deiner Zeit anfangen kannst, etwas, das mehr wert ist als das hier.
Und kaum hast du das realisiert, fängt die Zeit an zu rasen. Fünfuhrsechsuhrsiebenuhrachtuhrneunuhr. Du bewertest Arbeiten nicht mehr nach ihrer Wichtigkeit, sondern danach, wie viel Zeit sie dich kosten. Jede Minute, die du untätig darauf wartest, dass irgendein Prozess abgeschlossen wird, ist wie ein Schnitt aufs Blut.
Dein Puls rast. Du hast vierhundert Sachen gleichzeitig im Kopf, du hast es längst aufgegeben, eine To-Do-Liste zu verfassen, denn das kostet Zeit. Du nimmst deinen Kollegen Arbeit ab, weil du genau weißt, dass du sie schneller, besser, effizienter, einfach geiler erledigen kannst. Zumindest denkst du das.
Denken.
Denken.
Denken setzt sowieso aus. Denken braucht Zeit, und Zeit ist für dich nicht Geld, sondern wirklich Zeit, und Zeit ist in diesem Momenten mehr wert als alles andere.
Dein Kopf ist wie in Watte gepackt, deine Beine schwach, dein Kreislauf versagt. Du fühlst dich wie betrunken, nur ohne das beruhigende Gefühl, betrunken zu sein.
Stattdessen fühlst du das Adrenalin durch deine Adern pulsen, und du arbeitest wie ein Berserker. Und du hast Hunger. Doch Essen kostet Zeit.
Bloß weiter. Bloß schneller. Diese Zeit gehört nicht dem Betrieb, sie gehört dir, dir allein, und du willst so wenig wie möglich davon abgeben. Als der Chef durch die Tür ging, rief er noch: „Macht nicht mehr lange, ne?“
Die Dinge, die du für heute Abend geplant hattest, verblassen vor deinem Auge. Schaffst du nicht, schaffst du nicht, schaffst du auch nicht. Den Film noch schauen? Haha, netter Versuch. Noch auf ein Bier in die Kneipe? Na klar doch, als ob.
Heute war es zehn vor Zehn, bevor du deine müden Glieder in die Bahn schleppen konntest.
Erschöpft, ermattet, erschlagen, einfach nur in die harten Sitze fallen lassen und sich auf sein Bett freuen.
Du bist völlig leer gearbeitet, dein Kopf ist nicht mehr als ein riesiges Loch, du willst niemanden sehen, hören, keinen Gedanken an irgendetwas fassen.
Aber tief in dir, ganz, ganz tief verborgen, lächelst du.
Es war ein Scheißtag. Keine Frage. Wenn du im Nachhinein die Möglichkeit hättest, dein Leben noch einmal zu bearbeiten, würdest du den Radiergummi flitzen lassen.
Aber du hast es geschafft.
Du hast dich durchgebissen.
Egal, welche Hindernisse dir in den Weg gelegt wurden, du hast leise geflucht und hast dich der Herausforderung gestellt.
Es klingt hochtrabend, aber du bist an diesem Tag gewachsen, bist belastungsfähiger, stärker, dem Leben und seinen Widernissen gegenüber ein wenig arroganter geworden.
Und, sieh es doch mal ein.
Du bist ne verdammt geile Rocksau, oder?
Du gehst die leeren Straßen hinab, dein Magen knurrt, deine Beine wollen streiken, aber bist du deswegen schlecht gelaunt? Nein. Du schwingst deine Tasche über die Schulter, stellst die Kopfhörer auf volle Lautstärke, vergräbst die Hände in den Hosentaschen und grinst, so breit du kannst.
Denn in deinem ausgebrannten, leeren Kopf ist jetzt endlich Platz für die einzige Wahrheit, die sich aus einer solchen Situation ziehen lässt:
Du.
Brauchst.
Keinen.
Dank.
Von niemandem. Sie können sich ihr Mitleid sparen, ihre Anerkennung sonst wo hin stecken.
Genau jetzt, genau hier, weißt du von dir selbst, dass du gute Arbeit geleistet hat.
Nichts anderes zählt.
Und auch, wenn sich von hier bis nach Australien niemand findet, der dir dafür auf die Schulter klopft, weißt du, dass du heute Abend nicht unruhig schlafen wirst.
An alle, die diese Situation kennen: Ihr habt das verdammt gut gemacht.
Add comment September 27th, 2006